1915: Die Quellen des Genozids. Der Armeniermord im Osmanischen Reich und die Bedeutung der Memoiren Naim Efendis und der Talat-Pascha-Telegramme

Präsentation des Buches «Naim Efendi’nin Hatıratı ve Talat Paşa Telgrafları. Krikor Gergeryan Arşivi, (The Authenticity of the Naim Efendi Memoirs and Talat Pasha Telegrams)» und Diskussion mit dem Autor Prof. Dr. Taner Akçam und Dr. Salvador Oberhaus

Der staatlich organisierte Genozid an den Armenier*innen und Angehörigen anderer christlicher nationaler Minderheiten im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkrieges kostete mindestens eine Millionen Menschen das Leben. Im wissenschaftlichen wie im erinnerungspolitischen Diskurs in der Türkei, aber auch über viele Jahrzehnte in der Bundesrepublik Deutschland wurde dennoch über die Frage gestritten, ob es sich überhaupt um einen Völkermord gehandelt hatte. Dabei bestätigten bereits die Istanbuler Prozesse 1919 bis 1921 gegen Verantwortliche, dass es systematische Verbrechen der osmanischen Regierung gegen Armenier*innen mit dem Ziel ihrer vollständigen Auslöschung gegeben hat. Auch die kaiserliche Regierung in Deutschland war über die Dimensionen der Verbrechen im Bilde, ließ den Bündnispartner aber gewähren.
Im Gegensatz zur Bundesregierung, die inzwischen offen von einem Völkermord an den Armenier*innen spricht, leugnen die türkische Regierung und mit ihr weite Teile der türkischen Öffentlichkeit den Genozid bis heute beharrlich. Es wird verschwiegen, umgedeutet, historische Quellen und kritische Stimmen werden diskreditiert. Ein beredtes Beispiel hierfür stellt der Umgang mit den sogenannten «Talat Pascha-Telegrammen» dar.

Die Autoren Şinasi Orel und Süreyya Yuca behaupten im Auftrag der Gesellschaft für türkische Geschichte , dass diese Dokumente von armenischer Seite gefälscht worden seien, um die Türkei zu diskreditieren.

Taner Akçam jedoch ist es in seinem aktuellen Buch einmal mehr gelungen, diese Thesen zu widerlegen und die Echtheit der «Talat Pascha-Telegramme» nachzuweisen. Ein Richtungswechsel ist deswegen in der türkischen Geschichtspolitik und Erinnerungskultur gleichwohl nicht zu erwarten. Allerdings können Akçams Erkenntnisse kritische Geschichtswissenschaft und Erinnerungspolitik befördern. Über diese und weitere Fragen wollen wir diskutieren.

Dr. Taner Akçam, Historiker und Soziologe, ist Professor für Geschichte am Strassler Center for Holocaust and Genocide Studies der Clark University in Worchester, Massachusetts. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen zur Armenienpolitik des Osmanischen Reiches und der Türkei, zum türkischen Nationalismus und besonders zur Geschichte des Genozides an den Armenier*innen vorgelegt, in welchen er den Nachweis für die Verantwortung der türkischen Regierung für den Völkermord erbringt. Aktuelle Veröffentlichung: Naim Efendi’nin Hatıratı ve Talat Paşa Telgrafları. Krikor Gergeryan Arşivi, (The Authenticity of the Naim Efendi Memoirs and Talat Pasha Telegrams), Istanbul 2016.

Dr. Salvador Oberhaus, Historiker, Referent für kommunalpolitische Bildung bei der Rosa Luxemburg Stiftung. Arbeitsschwerpunkte: Europäischer Imperialismus, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik , Geschichte des Nahostkonfliktes, der Arbeiter*innenbewegung, Geschichtspolitik und Geschichtsvermittlung in den Medien. Aktuelle Veröffentlichung: Axel Weipert, Salvador Oberhaus, Detlef Nakath, Bernd Hüttner (Hrsg.): «Maschine zur Brutalisierung der Welt»? Der Erste Weltkrieg – Deutungen und Haltung 1914 bis heute, Münster 2017.

Eine gemeinsame Veranstaltung mit Akebi e.V.

 

VERANSTALTUNGSORT

Rosa-Luxemburg-Stiftung
Münzenbergsaal
Franz-Mehring-Platz 1
10243 Berlin

ZEIT

24.05.2017, 19:00 – 21:00 Uhr

VERANSTALTER

Rosa-Luxemburg-Stiftung

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Über Dr. Salvador Oberhaus
Dr. Salvador Oberhaus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Regionalbüro NRW. Er studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und wurde dort im Jahr 2007 zum Thema «‹Zum wilden Aufstande entflammen› Die deutsche Ägyptenpolitik 1914–1918. Ein Beitrag zur Propagandageschichte des Ersten Weltkrieges» promoviert. Arbeitsschwerpunkte: Europäischer Imperialismus, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Arbeiter/innenbewegung, Nahostkonfliktes, Geschichtspolitik und Geschichtsvermittlung in den Medien. Zuletzt erschien von ihm: Über Verantwortlichkeiten nachdenken. Zur deutschen Politik in der Juli-Krise, in: Axel Weipert, Salvador Oberhaus, Detlef Nakath, Bernd Hüttner (Hrsg.): "Maschine zur Brutalisierung der Welt"? Der Erste Weltkrieg – Deutungen und Haltungen 1914 bis heute, Münster 2017, sowie: "The Kaiser´s Spy? " Max von Oppenheim und der "Djihad – Made in Germany". Die deutsche Propagandastrategie für den Orient im Ersten Weltkrieg an der Schnittstelle zwischen Informationskontrolle und Spionage, in: Lisa Medrow, Daniel Münzner, Robert Radu (Hg.): Kampf um Wissen. Spionage, Geheimhaltung und Öffentlichkeit 1870-1940, Paderborn 2015.

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