Konferenz der Rosa Luxemburg Stiftung: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber …“ 100 Jahre Erster Weltkrieg – 100 Jahre Bezugnahmen und Deutungen in Europa

In eigener Sache (quasi)

In wenigen Monaten jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Nur wenige Wochen später ist an den 75. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges zu erinnern. Die Rosa Luxemburg Stiftung, die Rosa Luxemburg Stiftung NRW und ihre Kooperationspartner*innen nehmen die Jahrestage zum Anlass zu einer Tagung, die drei Schwerpunkte setzen und mit ihrem Fokus auf mentalitätshistorische Zugänge Fragen nach Verbindungslinien stellen wird: Welche Rolle spielt der Erste Weltkrieg für die Strukturen und Entwicklungen des Nationalsozialismus? Welche Auswirkungen und Bezugnahmen folgten auf den Ersten Weltkrieg daneben aber auch auf und durch die politische Linke? Und schließlich: Wie sind die erinnerungs- und geschichtspolitischen Interpretationen und Standpunkte im „Erinnerungsjahr“ 2014 einzuordnen, die von einer „Urkatastrophe“, von zivilisatorischen Bruchkanten, Zäsuren oder Kontinuitäten im „kurzen 20. Jahrhunderts“ sprechen?
Der Erste Weltkrieg als „Maschine zur Brutalisierung der Welt“. Krieg und kein Ende?

Sowohl in der akademischen Forschung, als auch in der politischen Bildungsarbeit rücken in jüngster Zeit Fragen nach den Zusammenhängen langer Linien – nach Kontinuitäten, Entwicklungen, Brüchen und Verschiebungen – in den Mittelpunkt, wenn es um die Eskalationen und Entgrenzungen (politischer) Gewalt im 20. Jahrhundert geht. Hier richtet sich der Blick zunehmend auf den Ersten Weltkrieg, der immer deutlicher nicht nur als „Urkatastrophe“ (George F. Kennan) des vergangenen Jahrhunderts verstanden, sondern zunehmend auch als beispielloser Impulsgeber für die weitere Entwicklung radikal-nationalistischer, -militaristischer und -revanchistischer Überzeugungen und Handlungs-Rahmen rechter Antidemokrat*innen interpretiert wird. Denn für eben diese politischen Kräfte, die sich gegen Ende der Weimarer Republik als faschistische Bewegungen und Parteien im gesamtpolitischen Spektrum durchzusetzen begannen, war der Erste Weltkrieg gerade im Deutschen Reich und in der ersten deutschen Republik Katalysator für bereits bestehende Ideologien und Netzwerke aber auch Wurzel neuer, aus dem Krieg erwachsener Zusammenhänge, wie etwa der paramilitärischen Veteranenverbände. Dabei bildeten sich politische Kräfte aus, die vor allem durch den verlorenen Krieg immense Sprengkraft bezogen.
Die aus der Niederlage resultierenden völkerrechtlichen Konsequenzen (Versailler Vertrag) und kollektiv-emotionalen Verwerfungen („Dolchstoßlegende“) sorgten dafür, dass sich revanchistische, chauvinistische, rassistische und antisemitische Haltungen in Teilen des deutschen Konservatismus wie im rechten Spektrum deutlich radikalisierten. Die republikanische Regierung bot diesen Entwicklungen zudem Raum zu ihrer Ent¬faltung (Kapp-Lüttwitz-Putsch, Instrumentalisierung des „Ruhrkampfes“, Schwarze Reichswehr und Hitler-Ludendorff-Putsch). Im Verbund mit weit langfristigeren, zeitlosen Strukturen – zu denken ist insbesondere an Körperpolitiken, Konzepte soldatischer Männlichkeit oder soziale Zusammenhänge von massenpsychologischer Bindungskraft – boten die „Krisenjahre der klassischen Moderne“ (Detlev Peukert) in der frühen Weimarer Republik den fruchtbaren Boden für faschistisches Denken und Handeln.

Wie kämpfen nach diesem Krieg? Internationalismus und Arbeiter*innenbewegung nach dem Ersten Weltkrieg

Zu fragen ist auch nach den Auswirkungen des Krieges und den Entwicklungen der unmittelbaren Nachkriegszeit auf die Arbeiter*innenbewegung und den Internationalismus. Hierzu gehören Krise, Neuformulierung und Ausdifferenzierung des Fortschrittsoptimismus auf der einen Seite und Spaltung und Reorganisation der ältesten internationalen politischen Solidaritätsgemeinschaft auf der anderen Seite. Welche Politikangebote, welche Gesellschaftsutopien konnte die Arbeiter*innenbewegung noch formulieren, nachdem der Kampf für eine sozialistische Emanzipation auf den Altären des Patriotismus geopfert wurden? Die gespaltene politische Linke in der Weimarer Republik stand vor enormen Herausforderungen, die hätten Wege zu konzertierten Aktionen ebnen können. Sie blieben auf nationaler Ebene ungenutzt. Welche Entwicklungsperspektiven und Handlungsspielräume boten sich der internationalistischen Arbeiter*innenbewegung in der Zwischenkriegszeit und wie wirkten sich hierbei die „proletarischen“ Kriegserlebnisse aus? Gilt Eric Hobsbawms Einschätzung zum Ersten Weltkrieg als „Maschine zur Brutalisierung der Welt“ am Ende auch für die Arbeiter*innenbewegung?

Der Erste Weltkrieg im 20. Jahrhundert und heute – Interpretationen und (geschichtspolitische) Zuweisungen in Wissenschaft und Politik

Damit ist zugleich die Frage nach den mittel- und langfristig bedeutsamen geschichtspolitischen Deutungen des Ersten Weltkrieges gestellt. Welche Rolle spielt der Erste Weltkrieg in sozialistischen, bürgerlichen und faschistischen Narrativen der Zwischenkriegszeit? Wie sieht es heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der „Fischer-Kontroverse“ aus? Besonders seit Christopher Clarks Untersuchung zur Juli-Krise und zum Kriegsausbruch 1914 („Die Schlafwandler“) – um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen – ist die Frage nach den Ursachen und Verantwortlichkeiten einer hochproblematischen Neu¬be¬wertung unterzogen. Die alte These, wonach die Großmächte in den Krieg „hineingeschlittert“ seien, scheint rehabilitiert. In diesem Licht wirken die Verantwortlichkeiten für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges wie das Zusammenspiel unglücklicher Umstände und somnambuler Akteure im Strudel unkalkulierbarer Ereignisse am Rande der Machtzentren des alten Mitteleuropa.
Doch wieso werden diese und ähnliche Interpretationen zur „Kriegsschuld“ heute, 100 Jahre nach dem Kriegsausbruch und 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, wiederum so intensiv zum Thema? Was sagen diese geschichtspolitischen Entwicklungen für die Lesarten hegemonialer Kräfte im Europa von 2014? Nicht zuletzt werden in der Beurteilung der aktuellen sogenannten „Krim-Krise“ Stimmen laut, die Vergleiche mit dem Handeln der europäischen Großmächte am Vorabend des Ersten Weltkrieges ziehen und erneut die Frage stellen: „Schlittert Europa in einen Dritten Weltkrieg hinein?“ 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges sind geschichtspolitische Interpretationen und Standortbestimmungen – ob zur Julikrise von 1914, zur „Kriegsschuld“ oder zur Verantwortung eines wie auch immer verfassten europäischen Friedensbewusstseins – von nachgerade brennender Aktualität.

Geschichte wiederholt sich nicht … aber sie reimt sich? Gerade angesichts der neuerlichen Debatte zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der Bedeutung, die ihr für politische Entscheidungen heute zugemessen wird, stellt sich die Frage nach linken Perspektiven auf den Ersten Weltkrieg und zu den Anforderungen an eine zeitgemäße linke Friedenspolitik mit Nachdruck.

Veranstaltet von
Rosa-Luxemburg Stiftung (Bund)
Rosa-Luxemburg Stiftung NRW

Programm und weitere Informationen

 

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Über Dr. Salvador Oberhaus
Dr. Salvador Oberhaus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Regionalbüro NRW. Er studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und wurde dort im Jahr 2007 zum Thema «‹Zum wilden Aufstande entflammen› Die deutsche Ägyptenpolitik 1914–1918. Ein Beitrag zur Propagandageschichte des Ersten Weltkrieges» promoviert. Arbeitsschwerpunkte: Europäischer Imperialismus, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Arbeiter/innenbewegung, Nahostkonfliktes, Geschichtspolitik und Geschichtsvermittlung in den Medien. Zuletzt erschien von ihm: Über Verantwortlichkeiten nachdenken. Zur deutschen Politik in der Juli-Krise, in: Axel Weipert, Salvador Oberhaus, Detlef Nakath, Bernd Hüttner (Hrsg.): "Maschine zur Brutalisierung der Welt"? Der Erste Weltkrieg – Deutungen und Haltungen 1914 bis heute, Münster 2017, sowie: "The Kaiser´s Spy? " Max von Oppenheim und der "Djihad – Made in Germany". Die deutsche Propagandastrategie für den Orient im Ersten Weltkrieg an der Schnittstelle zwischen Informationskontrolle und Spionage, in: Lisa Medrow, Daniel Münzner, Robert Radu (Hg.): Kampf um Wissen. Spionage, Geheimhaltung und Öffentlichkeit 1870-1940, Paderborn 2015.

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