Salvador Oberhaus, „Zum wilden Aufstande entflammen“. Die deutsche Ägyptenpolitik 1914-1918. Ein Beitrag zur Propagandageschichte des Ersten Weltkrieges.

Die Studie ist im Druck erschienen 2007 im Verlag Dr. Müller. Unveränderte Neuauflage im Akademikerverlag 2012: „Zum wilden Aufstande entflammen“. Die deutsche Propagandastrategie für den Orient im Ersten Weltkrieg am Beispiel Ägypten, Saarbrücken 2007 / 2012.

Wenn heute in den Medien vom Djihad, dem islamischen Heiligen Krieg, die Rede ist, so sind wir es gewohnt, besonders seit den Anschlägen in New York und Washington vom 11. September 2001 sowie den Anschlägen in der spanischen Hauptstadt Madrid vom 11. März 2004, an den arabischen Terrorismus und den seit vielen Jahrzehnten währenden Nahost-Konflikt zu denken. In der westlichen Welt, so auch in der Bundesrepublik Deutschland, wird – oft von Ressentiments geprägt – über die Bedrohung der christlichen Zivilisation und den Vernichtungswillen fanatischer Islamisten räsoniert.[1]

Dass Deutschland vor 90 Jahren diesen angeblichen islamischen Fanatismus für seine Bedürfnisse im Ersten Weltkrieg auszunutzen versuchte, ist in der veröffentlichten Meinung ebenso wenig ein Thema, wie es im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle spielt, dass die deutsche Regierung zwischen 1914 und 1916 die Kooperation mit muslimischen Staatsmännern, Stammesführern und religiösen Würdenträgern suchte, um die islamischen Gebiete zu revolutionieren, die von den Staaten der Entente in kolonialer Abhängigkeit gehalten wurden. Zum Download

Strategien kooperativen Imperialismuses gehören heute zu den gängig zu beobachtenden Erscheinungen in Krisen und Kriegen. Aktuelle Praxisbeispiele bieten die Kriege der Vereinigten Staaten in Afghanistan und Irak. Im Rahmen der Kriegsvorbereitungen werden unter Zusicherung von Posten und Privilegien kooperationswillige Mitglieder einheimischer Eliten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft rekrutiert. Die angeworbenen Kollaborateure wirken, wie von den USA beabsichtigt, seit dem Sturz der Taliban bzw. seit der Entmachtung Saddam Husseins an der Reorganisation der Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen nach amerikanischen Vorgaben mit.[2]

Die heute übliche Praxis wurde im Ersten Weltkrieg erstmalig weiträumig erprobt. So waren die kriegführenden Staaten bestrebt, in bestimmten Regionen der Welt die Bevölkerung der feindlichen Mächte zu insurgieren, mit der Intention, dadurch einen kriegsentscheidenden Vorteil zu erzielen. Das kaiserliche Deutschland tat sich hierbei besonders hervor und versuchte als immediate Reaktion auf den sich abzeichnenden Zweifrontenkrieg mit englischer Beteiligung, eine globale Umfassungsstrategie – einen Heiligen Krieg gegen England, Russland und Frankreich – zur Revolutionierung der islamischen Gebiete der Entente in Afrika und Asien zu konzipieren. Die Revolutionierungspolitik richtete sich besonders gegen England mit dem Ziel der dauerhaften Schwächung des Königreichs als europäische Großmacht auf Basis eines deutschen Siegfriedens. Zum Download


[1] Vgl. hierzu die Aufsätze in Hippler, J., Lueg, A. (Hgg.), Feindbild Islam – oder Dialog der Kulturen, Hamburg 2002 von: Lueg, A., Der Islam in den Medien, S. 16-34; Cichowicz, A., Probleme der Wahrnehmung: Der Islam in der deutschen Fernsehberichterstattung, S. 35-48; Kappert, P., Europa und der Orient, S. 75-102; Vgl. ferner Flaig, E., Der Islam will die Welteroberung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. 09. 2006, S. 35; Bundesministerium des Innern, Verfassungsschutzbericht 2005, Berlin 2005, S. 197-238

[2] Mellenthin, K., »Winds of change« sollen die Völker begeistern. USA-Strategen streben Regimewechsel im ganzen arabischen Raum an, in: Neues Deutschland vom 18. 01. 2003, S. 10; Paech, N., Die Planung weltweiter Interventionskriege, das Völkerrecht und die Zukunft der Menschheit, in: Dresdener Studiengeimschaft Sicherheitspolitik (Hg.), Beiträge zum 13. Dresdner Friedenssymposium am 12. Februar 2005 DSS-Arbeitspapiere 74, Dresden 2005

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Über Dr. Salvador Oberhaus
Dr. Salvador Oberhaus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Regionalbüro NRW. Er studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und wurde dort im Jahr 2007 zum Thema «‹Zum wilden Aufstande entflammen› Die deutsche Ägyptenpolitik 1914–1918. Ein Beitrag zur Propagandageschichte des Ersten Weltkrieges» promoviert. Arbeitsschwerpunkte: Europäischer Imperialismus, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Arbeiter/innenbewegung, Nahostkonfliktes, Geschichtspolitik und Geschichtsvermittlung in den Medien. Zuletzt erschien von ihm: Über Verantwortlichkeiten nachdenken. Zur deutschen Politik in der Juli-Krise, in: Axel Weipert, Salvador Oberhaus, Detlef Nakath, Bernd Hüttner (Hrsg.): "Maschine zur Brutalisierung der Welt"? Der Erste Weltkrieg – Deutungen und Haltungen 1914 bis heute, Münster 2017, sowie: "The Kaiser´s Spy? " Max von Oppenheim und der "Djihad – Made in Germany". Die deutsche Propagandastrategie für den Orient im Ersten Weltkrieg an der Schnittstelle zwischen Informationskontrolle und Spionage, in: Lisa Medrow, Daniel Münzner, Robert Radu (Hg.): Kampf um Wissen. Spionage, Geheimhaltung und Öffentlichkeit 1870-1940, Paderborn 2015.

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