Peter Ullrich: Linke, Nahostkonflikt, Antisemitismus. Reihe Analysen der Rosa Luxemburg Stiftung, Berlin 2012

Nahostkonflikt und Antisemitismus sind immer wieder Anlass für emotionsgeladene Diskussionen besonders in der deutschen Linken. Peter Ullrich hat nun einen «Wegweiser» durch die Debatte vorgelegt. Die Konfliktlinien im Nahen Osten erscheinen allzu gefestigt, was wiederum zu einfachen Antworten und generalisierenden Schlussfolgerungen verleiten kann. In der Realität stellt sich der Konflikt allerdings vielschichtiger und komplexer dar, als es die Diskussionen in der politischen Linken hierzulande bisweilen vermuten lassen.

Vor diesem Hintergrund ist der Nahostkonflikt auch ein wichtiges Thema für die politische Bildungsarbeit. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung entwickelte deshalb jüngst ein systematisches Bildungsangebot mit dem Ziel, Basiswissen und vertiefende Diskurse rund um den Konflikt im Nahen Osten zu vermitteln und zu ermöglichen. Hierzu wurden methodische und inhaltliche Zugänge erarbeitet, die eine sachlich fundierte und wissenschaftlichen Kriterien entsprechende Annäherung und Auseinandersetzung mit fördern sollen. Das Angebot soll insbesondere der Komplexität des Konfliktszenarios sowie dem Pluralismus an Standpunkten im politischen und gesellschaftlichen Umfeld der Stiftung Rechnung tragen.

Einen wichtigen Beitrag hierzu leistet die neue Broschüre von Peter Ullrich: «Linke, Nahostkonflikt, Antisemitismus. Wegweiser durch eine Debatte. Eine kommentierte Bibliografie».In den linken Diskursen über den Konflikt im Nahen Osten gerät häufig in Vergessenheit, dass vor allem in den letzten zwanzig Jahren zahlreiche fundierte wissenschaftliche und politisch-essayistische Diskussionsbeiträge publiziert wurden, die differenziert und (selbst-)kritisch linke Theoriebildung zu den hier verhandelten Themenbereichen und ihren Entstehungs- sowie Wirkungskontext analysieren. Mit seiner nun vorliegenden kommentierten Bibliografie will der durch einschlägige Studien bereits bekannte Soziologe Peter Ullrich einen Beitrag zur Versachlichung der Debatten leisten. Ullrich präsentiert eine Auswahl von Basistexten, die sowohl für die politische Bildungsarbeit als auch in akademischen Diskursen relevant sind. Der auf Fortschreibung angelegte Band, der deutsche und internationale Literatur berücksichtigt, reflektiert den aktuellen Diskussions- und Forschungsstand, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.Die sinnvoll nach historischen und politisch-geografischen Gesichtspunkten sowie nach Diskurskontexten und Debattenverläufen gegliederte Bibliografie rubriziert die vorgestellten Texte in fünf Kapitel. Die Schwerpunkte bilden das Verhältnis von Arbeiterbewegung und Sozialismus zu Zionismus und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert, der Umgang der DDR bzw. der SED mit Judentum, Israel und Nahostkonflikt, die Positionierungen und Diskussionen in der westdeutschen radikalen Linken besonders seit den 1970er Jahren sowie Diskurskontexte und Debatten rund um den Konflikt. Das einleitende Kapitel begründet die Fragestellung und den methodischen Ansatz und skizziert das Panorama, welches die präsentierte Literatur zueinander in Beziehung stellt.

Die leicht lesbare, konzentriert geschriebene und sicher urteilende Broschüre bietet Inhaltszusammenfassungen zu den vorgestellten Werken und nimmt eine Einordung ihrer jeweiligen Bedeutung für die politischen und akademischen Diskurse vor. Auf diese Weise bietet Ullrich den LeserInnen Orientierung in einer schwer überschaubaren Auseinandersetzung und hilft ihnen, sich einen eigenen Standpunkt in der Debatte zu erarbeiten und abweichende Positionen nachzuvollziehen. Ausblicke auf weiterführende Forschungsperspektiven runden den Gebrauchswert der Broschüre ab, die sowohl für den Einstieg als auch die vertiefende Befassung mit der Thematik mit Gewinn gelesen werden kann.

erschienen in Rosalux, Journal der Rosa Luxemburg Stiftung, Ausgabe 4/2012, S. 34

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Über Dr. Salvador Oberhaus
Dr. Salvador Oberhaus ist Referent für kommunalpolitische Bildung bei der Rosa Luxemburg Stiftung. Er studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und wurde dort im Jahr 2007 zum Thema «‹Zum wilden Aufstande entflammen› Die deutsche Ägyptenpolitik 1914–1918. Ein Beitrag zur Propagandageschichte des Ersten Weltkrieges» promoviert. Arbeitsschwerpunkte: Europäischer Imperialismus, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Arbeiter/innenbewegung, Nahostkonfliktes, Geschichtspolitik und Geschichtsvermittlung in den Medien. Zuletzt erschien von ihm: Über Verantwortlichkeiten nachdenken. Zur deutschen Politik in der Juli-Krise, in: Axel Weipert, Salvador Oberhaus, Detlef Nakath, Bernd Hüttner (Hrsg.): "Maschine zur Brutalisierung der Welt"? Der Erste Weltkrieg – Deutungen und Haltungen 1914 bis heute, Münster 2017, sowie: "The Kaiser´s Spy? " Max von Oppenheim und der "Djihad – Made in Germany". Die deutsche Propagandastrategie für den Orient im Ersten Weltkrieg an der Schnittstelle zwischen Informationskontrolle und Spionage, in: Lisa Medrow, Daniel Münzner, Robert Radu (Hg.): Kampf um Wissen. Spionage, Geheimhaltung und Öffentlichkeit 1870-1940, Paderborn 2015.

2 Responses to Peter Ullrich: Linke, Nahostkonflikt, Antisemitismus. Reihe Analysen der Rosa Luxemburg Stiftung, Berlin 2012

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